
Reifezeugnis - Mit seinem inspirierten, technisch brillanten und stets gefühlvollen Gitarrenspiel gelang es Stevie Ray Vaughan zu Beginn der 80er Jahre in die Fußstapfen solch legendärer Bluesgitarristen wie Johnny Winter oder Eric Clapton zu treten. Anfänglich in klassischer Trio-Formation agierend scherte sich seine Band Double Trouble einen feuchten Kehricht um modische Strömungen in der Rockmusik und führte statt dessen unbeirrt die große Tradition des R n B fort, ohne dabei je überholt zu klingen. Die Musik dieser Band bietet im Gegenteil ein erstklassiges Anschauungsbeispiel für die zeitlose Faszinationskraft des Blues.Soul to Soul aus dem Jahr 1985 gilt vielen als das bis dato reifste Werk des Texaners und tatsächlich bietet die Scheibe eine stilistische Vielfalt, welche man auf seinen früheren Platten nicht findet. Vaughan haucht Klassikern wie You ll be mine oder Come on (bekannt geworden durch die Interpretationen von Howlin Wolf respektive Jimi Hendrix) neues Leben ein, zelebriert kernigen, bodenständigen Bluesrock (Look at little Sister), schwelgt mit seiner Gitarre in höheren Sphären (Life without you), lebt die einfühlsamen Seiten des Blues (Ain t gone n give up on Love), spielt jazzig-entspannt (Gone home) oder kreiert einen nostalgischen Bluessound (Empty Arms). Ein besonderes Schmankerl liefert das wirklich gelungene Hendrix-Cover Little Wing/Third Stone from the Sun als Bonustrack. Das alles strotzt von der ersten bis zur letzten Note nur so von musikalischer Leidenschaft. Ob rasante Gitarrenläufe oder einfühlsame Phrasierungen - Vaughan beherrscht sein Instrument virtuos und ausdruckstark, wie etwa das ungemein erotische Spiel von Change it belegt. Neben der gewachsenen stilistischen Bandbreite präsentiert sich auch der Sound auf Soul to Soul durch authentische Keyboard- sowie Saxophoneinlagen variationsreicher und differenzierter als zuvor.Vaughan präsentiert sich auf dieser Scheibe musikalisch gereift und schraubt den auf seinen früheren Werken bestimmenden Rockaspekt etwas zurück. Mag einen vielleicht das (durchgehend gute aber nicht überragende) Songmaterial als solches nicht vom Sitz reißen, so besorgt dies die unvergleichliche Interpretationskunst Vaughans, der im übrigen auch als Sänger zu überzeugen weiß. Wer modernen Blues mit einem deutlichen Rockeinschlag mag, kann hier blind zugreifen - falls er/sie die Scheibe nicht ohnehin schon lange im Regal stehen hat.